Vom Kokon zum fairen Nachthemd – von Volker Rekittke

Vom Kokon zum fairen Nachthemd – von Volker Rekittke

Heute lest Ihr den Artikel vom Schwäbischen Tagblatt vom 31.05.2014

http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/tuebingen_artikel,-Mit-der-Firma-Roesch-auf-Transparenz-Tour-in-Chengdu-_arid,260288.html

Vom Kokon zum fairen Nachthemd

Mit der Firma Rösch auf Transparenz-Tour in Chengdu

Faire Löhne, intakte Umwelt – das sind nicht die ersten Worte, die einem beim Thema Textilproduktion in China einfallen. Doch genau mit diesem Anspruch ist die Tübinger Firma Rösch angetreten: Im chinesischen Chengdu wird die aktuelle Nachtwäsche-Kollektion unter höchsten Arbeits- und Ökostandards hergestellt. Den Faden dazu spinnen Seidenraupen auf einer biologisch-dynamischen Farm – dem ersten Demeter-Betrieb in ganz China.

Der grüne Hügel duftet nach blühenden Sträuchern und Kräutern. Eine kleine Herde brauner Kühe wandert durch einen Wald aus 700000 Maulbeerbäumen, der hier seit 1996 gepflanzt wurde: Seidenraupen lieben Maulbeerblätter. Gesetzt wurden auch 5000 Obst- und andere Bäume, die Nistplätze und Beschattung bieten – und eine spürbare Verbesserung der Boden-, Wasser- und Luftqualität brachten. „Saba“ heißt das Paradies auf 70 Hektar. Die weltweit erste Farm zur Herstellung biodynamischer Seide liegt 150 Kilometer nördlich der boomenden 14-Millionen-Metropole Chengdu.

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Von 700000 Maulbeerbäumen wird das Futter für die Seidenraupen auf der Saba-Farm gepflückt. Bild: Rekittke

„Auf dem Hügel war ja nichts“, erinnert sich Julius Obermaier, 78. Der Berater in Sachen biologisch-dynamischer Landwirtschaft reist seit vielen Jahren rund um die Welt und leistet lokalen Demeter-Projekten Geburtshilfe. In China war es Mitte der 1990er Jahre soweit. Auf Anfrage des Schweizer Unternehmens Alkena – bis zu einem Eigentümerwechsel kürzlich Namensgeber der Seidenraupenfarm und des Konfektionsbetriebs – kam der Experte vom badischen Salem in die chinesische Provinz Sichuan. Heute werden auf der Saba-Farm im Lauf eines Jahres fünf Millionen Kokons gewonnen – jeder Kokon gibt mehr als einen Kilometer hauchdünnen Seidenfaden. Vor dem Verpuppen futtern die Seidenraupen insgesamt 900000 Kilogramm Maulbeerblätter. Auf der Seidenraupenfarm arbeiten ganzjährig sechs Mitarbeiter und saisonal bis zu 200 Menschen aus der Region. Für Obermaier ist Saba längst „ein Projekt, das landesweit Ausstrahlung hat“.

„Das ist der organische Kompost, und hier stellen wir die Präparate her“, sagt Betriebsleiter Zhao Xing-Yuan beim Rundgang. An die Zeit mit Julius Obermaier erinnert sich der 40-Jährige noch gut. 2004 war der Chinese dann auf Gegenbesuch in Deutschland, lernte auf einem Demeter-Hof am Bodensee, wie biologisch-dynamische Landwirtschaft funktioniert. Mit dem Kieselpräparat 501 wird die Pflanzenphysiologie verbessert, erklärt er. Gesunde Maulbeerblätter sind eine wichtige Voraussetzung für besonders reißfeste Seide. Die wird gesponnen, dann gestrickt oder gewoben, gefärbt und schließlich in der Saba-Mutterfirma Otex („Organic Textiles“) in Chengdu konfektioniert.

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Maulbeerblatt-Kontrolle durch Zhao Xing-Yuan, Betriebsleiter der Saba-Seidenraupenfarm. Bild: Rekittke

Der 1996 als Joint Venture von Alkena gegründete Betrieb produziert heute außer für Rösch noch für die Freiburger Triaz-Gruppe (Waschbär). Die Tübinger Modemacher lassen bei Otex Seidennachthemden für ihre edle Lizenzmarke Féraud fertigen – und seit neuestem auch eine eigene Rösch-Kollektion: Nachtwäsche aus Bio-Seide, zertifiziert mit dem weltweit anerkannten GOTS-Siegel. Der „Global Organic Textile Standard“ gilt als führend bei der ökologisch und sozial verantwortlichen Verarbeitung von Textilien.

„Der Erfolg von Otex und der Saba-Farm liegt uns sehr am Herzen“, sagt Rösch-Geschäftsführer Andreas Söffker: „Als Vorzeigeprojekt kann es den dringend nötigen Wandel der chinesischen Wirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen.“ Ein ökologisches und faires Gegenmodell zum bisher in China praktizierten hemmungslosen Wachstum mit oft verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt. Das chinesische Fernsehen interessiert sich sehr für das Projekt, Söffker sagt beim Interview: Das Beispiel Otex-Saba könne einen Weg zeigen, wie das Land seine wachsenden Umweltprobleme in den Griff bekommen kann. Nach offiziellen Angaben ist ein Fünftel der Agrarfläche Chinas mit Kadmium, Nickel und Arsen verseucht. Auch viele Flüsse sind kontaminiert, die Luft in vielen großen Ballungsgebieten ist schlecht.

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Im chinesischen Chengdu stellen Näher/innen im Konfektionsbetrieb Otex Bio-Seidennachthemden für die Textilfirma Rösch her. Löhne und Arbeitsbedingungen werden regelmäßig von der „Fair Wear Foundation“ überprüft. Bild: Rekittke

Die Luft im großen Nähsaal ist gut. Tageslicht scheint durch hohe Fenster auf die Nähmaschinen der Arbeiter/innen. Über hundert meist weibliche Angestellte arbeiten bei Otex. Ob sie jederzeit zur Toilette gehen darf? Huang Cui Rong schaut ein wenig ungläubig, als ihr die Frage ins Chinesische übersetzt wird – und muss dann lachen. „Ja“, sagt die 48-jährige Näherin, „das dürfen wir alle.“ Und Geldstrafen für „Fehlverhalten“, wie andernorts üblich, gebe es auch nicht. Cui Rong gehört dem neunköpfigen Betriebsrat an, der alle zwei Jahre gewählt wird. Sie verdient 3000 Yuan (rund 350 Euro) im Monat, Überstunden inklusive. Im Firmendurchschnitt kommen die Arbeiter/innen auf 2710 Yuan (320 Euro). Das ist mehr als doppelt so viel wie der regionale Mindestlohn – und liegt auch über dem unabhängig ermittelten „Living Wage“. Damit gemeint ist ein Lohn, der die grundlegenden Lebenshaltungskosten eines Arbeiters oder einer Arbeiterin deckt: Ernährung, Kleidung, Wohnen, Gesundheit, Schule und Ausbildung. Gezahlt wird bei Otex nach „Piece Rate“, einer Art Akkordlohn. Die vertragliche Wochenarbeitszeit liegt bei 40 Stunden, je nach Auftragslage können es aber auch mal 50 bis 55 Stunden werden. Cui Rong jedenfalls ist mit den Arbeitszeiten zufrieden. Für Überstunden gibt es 150 Prozent, für Wochenendarbeit 200 Prozent des regulären Lohns. Bei Krankheit zahlt die Firma weiter – in einem Fall geschah das ein ganzes Jahr lang.

Alle Angaben werden regelmäßig vor Ort von einer unabhängigen Institution überprüft, Interviews mit Arbeiterinnen inklusive: von der „Fair Wear Foundation“ (FWF), einer Stiftung mit Sitz in Amsterdam. Im Vorstand sind gleichberechtigt Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Vertreter von derzeit 80 Textil- und Outdoor-Firmen (mit 120 Marken) aus sieben europäischen Ländern vertreten.

Faire Löhne, ein guter Arbeitsplatz – das ist längst nicht in allen Betrieben Chinas so. Es gibt unzählige Berichte über unmenschliche Arbeitsbedingungen, miese Bezahlung, schlechte und zugleich überteuerte Unterkünfte, über Arbeitsdruck und Selbstmorde von Beschäftigten. Das „China Labour Bulletin“ listet auf seiner Webseite aktuell Dutzende von Streiks und Beschwerden über nicht ausgezahlte Löhne auf.

Gerechter Handel, ethischer Konsum – das ist ein Trend, über den Rösch-Geschäftsführer Söffker sagt: „Die Kunden wollen das.“ Bei Händler-Schulungen höre er häufig von Verkäuferinnen: „Wir werden mehrfach am Tag gefragt: Wo kommt das her, wie wurde das produziert?“ Dass 2013 „im Modebereich ein katastrophales Jahr“ war, hat für Söffker weniger mit dem Wetter, der Länge von Sommer oder Winter zu tun. Sondern mit Bildern und Berichten: Im September 2012 kamen bei einem Brand in einer Textilfabrik in Karatschi (Pakistan) 300 Arbeiter/innen ums Leben, 1100 starben im April 2013 beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch.

„Wir haben alle genug Hosen und Hemden“, sagt Söffker. Es gehe bei Kleidung und Mode weniger um Bedarfskäufe als um „Selbstverbesserung“, um „die Darstellung innerhalb der Peergroup, gegenüber dem Partner“ – oder sich selbst. Dazu gehört: ein gutes Gefühl. Doch das will sich bei vielen Menschen angesichts von Horrorbildern aus ausbeuterischen Sweatshops partout nicht mehr einstellen: „Dann wird gezweifelt – und weniger gekauft.“

„Das Bewusstsein der Kunden ändert sich“, sagt Otex-Geschäftsführer Michael Wang, 50. „Sie wollen sich selbst etwas Gutes tun – aber auch der Umwelt und den Arbeitern.“ Weshalb Wang und sein Mitarbeiter Xing-Yuan derzeit in Laos eine zweite Seidenraupenfarm gründen.

Tübinger auf den Spuren der chinesischen Seidenraupe

Mitte Mai besuchte eine Gruppe von 30 Rösch-Mitarbeiter(inne)n und Gewinnern eines Firmen-Preisausschreibens in der chinesischen Provinzhauptstadt Chengdu, die Textilfirma Otex, eine Spinnerei sowie die Demeter-Seidenraupenfarm Saba. Zu der einwöchigen Tour, zu der die Besichtigung einer Panda-Aufzuchtstation und anderer Sehenswürdigkeiten gehörte, hatte die Firma Rösch auch zwei Journalisten vom SCHWÄBISCHEN TAGBLATT und vom „Reutlinger Generalanzeiger“ eingeladen. „Mit dieser Reise wollten wir in einem von Verunsicherung über Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie und von Misstrauen gegenüber der Biolabel-Flut geprägtem Umfeld zeigen, dass echte Transparenz möglich und nötig ist“, so Rösch-Geschäftsführer Andreas Söffker.

Im Tübinger Familienbetrieb Rösch-Rökona sind aktuell 352 Mitarbeiter beschäftigt. Der Umsatz lag 2013 bei 56 Millionen Euro. Die mehrfach für ihre familienfreundliche Personalpolitik ausgezeichnete Textilfirma hat zwei Sparten: Während bei Rösch Mode hergestellt wird, produziert Rökona technische Textilien vor allem für die Automobilindustrie, für die Medizintechnik und andere Bereiche.

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