Interview der Woche Part 2/5 – Andreas Söffker über die Gründe, warum die Gerhard Rösch GmbH Organic Silk in China produziert

Interview der Woche Part 2/5 – Andreas Söffker über die Gründe, warum die Gerhard Rösch GmbH Organic Silk in China produziert

Warum gehen wir nach China? Verlieren wir nicht unsere Glaubwürdigkeit?

Das ist ein provokantes Thema, aber die Frage ist ja auch mehr als berechtigt. Wir wenden uns mit unseren Produkten ohne Frage an eine privilegierte Frau aus der gesellschaftlich-wirtschaftliche Schicht 1 und 2. Ich glaube, im Gegensatz zu vielen anderen Firmen machen wir uns das jedoch immer wieder bewusst und versuchen deswegen, wenn auch in einem sehr bescheidenen Rahmen und ohne damit wie sagt man so schön „die Welt zu retten“, etwas für unterprivilegierte Frauen zu tun. Wir haben z.B. in Hamburg-Blankenese im Zuge der Neueröffnung unseres ersten eigenen Shops eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Für jedes Teil das in den ersten zwei Wochen verkauft wurde, haben wir ein neues Teil für den Verein für autonome Frauenhäuser Hamburg und einen Kinderartikel an ein Hamburger Kinderheim gespendet.

Ganz ähnlich sehen wir das mit Arbeitsplätzen und Produktionsbedingungen.

Eigentlich könnten wir uns in der Diskussion um Produktionsbedingungen in Asien ganz entspannt zurücklehnen und darauf hinweisen, dass wir 95% unserer Produkte im eigenen Werk in Ungarn produzieren. Dieses wurde mehrfach als hervorragender Arbeitgeber ausgezeichnet, was für uns ganz nebenbei den Vorteil hat, dass wir obwohl inzwischen große Automobiler wie z.B. Daimler dort sind, keine Arbeitskräfte verloren haben. Das spricht für die extrem hohe Bindung der Mitarbeiter ans Unternehmen.

Unser Anspruch ist es aber eigentlich, dass das nicht alles sein kann, sondern jeder Mensch auf der Welt das Recht auf einen fairen Arbeitsplatz hat. Also müssen wir auch hier wieder mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln dafür sorgen, dass es auch anderswo faire Arbeitsplätze gibt.

Und damit kommen wir eigentlich zum Thema Globalisierung. Diese sehe ich als positiv an, wenn Produkte für das Zielpublikum hier in Deutschland, dort wo sie herkommen unter fairen Bedingungen gefertigt werden.

Seide kommt seit Jahrtausenden aus China, insbesondere wenn man sie so herstellt, wie wir das machen und das heißt nach den alten Traditionen. Das Neue ist, dass der Anbau für unsere Seide demeter zertifiziert und biodynamisch ist. Ansonsten ist das dieselbe Handarbeit wie sie dort seit Jahrtausenden praktiziert wird.

Konkret heißt das, es gibt das SABA-Projekt. Dieses befindet sich auf einem Hügel mit der Fläche von zwei Quadratkilometern. Früher war dieser Hügel nicht bewaldet, was dazu geführt hat, dass es durch die Erosion während der Regenzeit immer wieder zu einer Verwüstung der Felder kam und keine Ernte möglich war. Die Farmer sind daher in die Städte gezogen, leider meistens in prekäre Arbeitsverhältnisse.

1998 wurde der Hügel von dem Projekt gekauft und aufgeforstet. Mittlerweile stehen dort 600.000 Maulbeerbäume für die klassische Seidenraupenzucht und 5.000 andere Bäume in einer typisch biodynamischen Mischkultur.

Die 700.000 Eier pro Jahr für die Seidenraupen kommen aus einem staatlichen Zuchtbetrieb und müssen durch das tägliche Abernten der Maulbeerbäume von Hand gefüttert werden. Das sind zunächst einmal 200 Arbeitsplätze, die so vor Ort entstanden sind, d.h. wir haben einen ganz konkreten Impact und die Arbeiter konnten wieder in ein gutes Arbeitsverhältnis zurückkehren.

Außerdem haben wir zumindest auf diesen zwei Quadratkilometern einen sehr gesunden Boden und eine, für chinesische Verhältnisse, sehr gesunde Umwelt. Die hergestellte Seide ist komplett frei von Belastungen und kann so ihre natürlichen hautschonenden und hautpflegenden Eigenschaften hervorragend entfalten. Durch den biodynamischen Anbau des Futters ist die Seide frei von schädlichen Rückständen, da die Körpermasse der Raupen direkt in Faden umgewandelt wird. Es gilt ganz konkret „Du bist, was du isst“.

Davon abgesehen, führt die extrem schonende Seidenraupenzucht dazu, dass sich die Tiere wohlfühlen, was sich natürlich sofort in der Qualität der Seide widergespiegelt. Die Kokons sind dickwandiger und haben einen sehr viel edleren Schimmer. Zusammenfassend kann man sagen, das Projekt hat einen Einfluss auf die Bevölkerung und die Umwelt dort und auf die Kunden hier. Alle profitieren!

Das Thema der Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit setzt sich in der Konfektion der Organic Silk Artikel fort. Diese Produkte, sind die einzigen die wir in China konfektionieren lassen und der hierfür ausgewählte Betrieb ist Fair Wear zertifiziert. Wir gehen sogar über diese Zertifizierung hinaus und lassen uns einen exakten Einblick in die Bücher und Gehaltszettel geben.

So können wir mit guten Gewissen sagen, dass das Durchschnittsgehalt inklusiv Überstunden bei 2.700 RMB liegt. Das ist das fast dreifache des chinesischen Mindestlohns in der Region und immerhin 600 RMB mehr als Fair Wear ansetzt. Vielleicht ist hier auch ein Vergleich ganz sinnvoll. In Chengdu, unserem Konfektionsort, gibt es inzwischen keine Motorroller mehr sondern nur noch Elektroroller. Eine unserer Näherinnen braucht 0,8 Monatslöhne um einen neuen Elektroroller zu kaufen. Ein Arbeiter in der Ostdeutschen Textilindustrie braucht fast 2,8 Monatslöhne um einen Elektroroller zu kaufen.

Hinzu kommt, dass wir dort Arbeitszeiten von 9 – 18 Uhr haben, Überstunden bis maximal 20 Uhr, sind freiwillig. Die Arbeitslöhne werden am 26. des Monats gezahlt bzw. per Banktransfer überwiesen. Es gibt mit jedem Mitarbeiter einen korrekten Arbeitsvertrag, außerdem haben wir einen hauseigenen Tarifvertrag und eine frei gewählte gewerkschaftliche Vertretung. Natürlich gibt es ein komplettes Verbot von Kinderarbeit.

Ich denke diese Bedingungen können mit jedem vorbildlichen Betrieb in Deutschland mithalten. Wir überprüfen dies regelmäßig und sprechen auch in einem außerbetrieblichen Rahmen mit der Belegschaft um uns eine Meinung über die berufliche Atmosphäre bilden zu können. Das heißt also zusammengefasst, wir wissen ganz genau, was innerhalb des Betriebes passiert und können dadurch garantieren, dass wir für weitere 150 Leute faire Arbeitsplätze anbieten können.

Interessanterweise wird das Projekt  mittlerweile auch in China als Vorzeigeprojekt angesehen. Ich war vor vier Wochen beim Antritt des neuen chinesischen Ministers in Deutschland. Dort gab es ein Mittagessen mit Außenminister Philipp Rösler. Dabei hatte ich die Ehre mit dem Direktor für Auslandsbeziehungen des chinesischen Wirtschaftsministeriums an einem Tisch zu sitzen. Ich habe lange mit ihm gesprochen und ihm unser Projekt geschildert. Er erwiderte, das sei genau das, was China in Zukunft brauche und haben möchte.  Ziel sei es, die chinesische Wirtschaft auf Nachhaltigkeit umzustellen. Hier seien Vorreiter wie wir mit Vorbildfunktion wichtig.

Kern der Rede von Herr Rösler war, dass China im Wachstum ist und Deutschland dabei helfen könne. Die Aussage des chinesischen Ministers war, dass Deutschland und China über durchaus unterschiedliche Fähigkeiten verfügen, die gemeinsam zu großartigen Geschäften mit Drittländern führen können. Nichts anderes machen wir ja eigentlich.  Wir produzieren in China und verkaufen an sehr prominente Händler wie jetzt z.B. Harrods in London. Im Kleinen ist damit ein solches Projekt schon umgesetzt.

Das Wichtige aus meiner Sicht ist, dass unser Projekt in China als erfolgreich angesehen wird. Wir haben dabei nämlich nicht nur einen direkten Impact auf die Leute dort, sondern auch auf die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, die solche Projekte als positiv ansieht und sich dadurch mehr in diese Richtung bewegt.

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