Der weite Weg zu tausend Meilen Luxus  – von Andreas Fink

Der weite Weg zu tausend Meilen Luxus – von Andreas Fink

Selbstverständlich soll auch die Sichtweise der mitgereisten Journalisten des „Schwäbischen Tagblatt“ und der „Reutlinger Generalanzeiger“ keinem vorenthalten werden.

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Artikel Reutlinger Generalanzeiger 31.05.2014

http://www.gea.de/nachrichten/wirtschaft/der+weite+weg+zu+tausend+meilen+luxus.3726342.htm

31.05.2014 – 16:57 Uhr

Der weite Weg zu tausend Meilen Luxus

VON ANDREAS FINK

Spätestens seit dem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch ist bekannt, unter welch menschenunwürdigen Bedingungen (nicht nur) Billig-Klamotten hergestellt werden. Die Tübinger Gerhard Rösch GmbH geht einen anderen Weg: In China produziert sie Nachtwäsche aus Seide, nach höchsten ökologischen und sozialen Standards. Jetzt hat eine Reisegruppe die Produktion besichtigt – von der Seidenraupe bis zum fertigen Nachthemd

Die Tübinger Gerhard Rösch GmbH produziert in China Nachtwäsche aus Seide, nach höchsten ökologischen und sozialen Standards.

Die Tübinger Gerhard Rösch GmbH produziert in China Nachtwäsche aus Seide, nach höchsten ökologischen und sozialen Standards. FOTO: Andreas Fink

CHENGDU/TÜBINGEN. Mit einem guten Gewissen schläft es sich besser. Mit dem Wissen, etwas auf der Haut zu tragen, das nicht nur bequem und elegant ist, sondern auch eine gute Geschichte hat. Das alte Lieblings-T-Shirt vielleicht? Wer mit Nachdenken anfängt, könnte ein Problem bekommen – das T-Shirt könnte sich plötzlich nicht mehr ganz so gut anfühlen. Bangladesch lässt grüßen.

Wahrer Luxus tut Gut(es). Diesen Slogan hat Rösch über seine exklusive Organic-Silk-Kollektion geschrieben, die unter der Lizenz-Marke Féraud Paris verkauft wird. Ab Juni gibt es Organic-Silk-Produkte auch unter der eigenen Marke Rösch Creative Culture. Produziert wird die Nachtwäsche in Chengdu in der chinesischen Provinz Sichuan. Rösch kennt die komplette Prozesskette – von der Seidenraupenaufzucht über die Seidengewinnung und -verarbeitung bis hin zur Konfektionierung. Produziert wird unter höchsten ökologischen (Demeter) und sozialen (Fair Wear, GOTS) Standards.

Biologisch-dynamisch in China

»Diese Kombination ist in dieser Ausprägung einmalig in China«, sagt Andreas Söffker, seit August 2012 Geschäftsführer bei Rösch, »wir haben absolute Transparenz – unsere Türen stehen jederzeit offen, jeder kann die Telefonnummer des CEO haben.« Jetzt waren 22 Mitarbeiter, vier Kunden und vier Schweizer Markenbotschafterinnen in Chengdu. Bei der einwöchigen Besichtigungs-Tour reisten auf Einladung von Rösch auch zwei Journalisten vom »Reutlinger General-Anzeiger« und vom »Schwäbischen Tagblatt« mit.

Rund 175 Kilometer nordöstlich der 14-Millionen-Metropole Chengdu (7,1 Millionen Menschen leben in den neun Stadtbezirken, 6,7 Millionen im Umland) liegt das Saba-Projekt (Sichuan Alkena Biodynamic Agriculture), eine Farm, in der die Seiden-Kokons gezüchtet werden – der Rohstoff für die Nachtwäsche von Rösch. In der Nähe der Kreisstadt Jiangyou wurde 1998 ein Hügel für 30 Jahre gepachtet und aufgeforstet. Mittlerweile stehen auf 70 Hektar 700 000 Maulbeerbäume – die Lebensgrundlage der Seidenraupen. Die Farm wird nach biologisch-dynamischen Demeter-Richtlinien geführt, die erste ihrer Art in China.

Ein Kilometer Seide am Stück

Antibiotika, Hormone und Kunstdünger sind tabu. Zur Gewinnung von organischem Dünger werden auf dem Hügel Rinder gehalten, für Flower-Power sorgen außerdem mehrere Kompost-Anlagen. Damit die Seiden-Bauern die Blätter der Maulbeerbäume von Hand pflücken können, werden sie auf Strauchhöhe gehalten. Vier Mal im Jahr wird geerntet.

900 000 Kilo Maulbeerblätter fressen die nimmersatten Raupen im Jahr. Ihre Eier kommen von einer staatlichen Zuchtstation. Unter strengen Hygienebedingungen – der Seidenraupen-Kindergarten wird innen und außen mit Kalk desinfiziert – wachsen in vier Zyklen jährlich fünf Millionen Raupen heran. Am Ende bringen die federleichten Kokons insgesamt 30 000 Kilo auf die Waage. Die Raupen werden mit den »mundgerecht« zugeschnittenen Maulbeerblättern gefüttert. Ganzjährig arbeiten sechs Menschen auf der Saba-Farm, saisonal bis zu zweihundert.

Die Seidenraupe hat ein ebenso rasantes wie kurzes Leben. Vom Ei bis zur Raupe, die sich verpuppt, veracht- bis verzehntausendfacht sie ihr Gewicht – innerhalb von 28 bis 32 Tagen. Dann hört sie mit Fressen auf und beginnt, sich einzuspinnen. Drüsen im Unterkiefer bilden die Substanz, die aus der Spinndrüse herausgepresst wird. Die Raupe bewegt ihren Kopf bis zu 300 000 Mal von Seite zu Seite und legt damit den Seidenfaden um sich herum. Er ist 1 000 bis 1 500 Meter lang – aus einem Stück.

Rasantes und kurzes Leben

Nach zehn Tagen Puppenruhe schlüpft der Falter. Eigentlich. Denn hier endet das kurze Leben des emsigen Tierchens. Die Raupen werden im heißen Wasser oder Dampf getötet, bei Saba kommen die Kokons in eine Kammer, unter der ein Feuer entfacht wird. »Die heiße Luft ist für die Seide schonender«, sagt Betriebsleiter Zhao Xing-Yuan.

Ein paar Kilometer weiter, in Mianyang, wird die Seide gesponnen. Die Kokons werden nach unterschiedlichen Klassen sortiert – die besten Stoffe werden nur aus Kokons gewoben, die einen Endlos-Faden haben. Im heißen Wasser wird der Seidenleim gelöst, sodass sie sich die hauchfeinen Fäden abspulen lassen. Die ersten paar Meter lassen sich noch nicht für die edle Haspelseide nutzen, sie werden zu Bouretteseide verarbeitet. Der Faden, den die Kundinnen später auf ihrer Haut tragen, wird gewonnen, indem acht oder neun Filamente verzwirbelt werden. Aus einem Kilo Kokons können zwei bis drei lange Nachtkleider hergestellt werden.

Geld und Mitbestimmung

Ein Gesicht bekommt die Seide bei der Firma Otex (Organic Textiles) in Chengdu. Hier werden seit 1996 Textilien konfektioniert und vertrieben. 80 Tonnen Seide verarbeitet die Firma im Jahr. Neunzig Prozent davon nehmen – je zur Hälfte – die Firmen Rösch/Féraud und Waschbär ab. Der Betrieb hat Global Organic Textile Standard (GOTS) und ist von Fair Wear zertifiziert. Bei Otex arbeiten 100 Menschen und schaffen dabei einen Umsatz von rund drei Millionen Euro. Die Schneiderrinnen, Näherinnen und Packer verdienen (mit Überstunden) 2 700 Renminbi (knapp 320 Euro) – fast das Dreifache des staatlichen Mindestlohns in der Region. Das Gehalt liegt rund 600 Renminbi über den von Fair Wear erhobenen Living Wages. Kein Salär, um reich zu werden, aber eines, um ordentlich zu leben. »Ich könnte davon auch leben, wenn ich keinen Partner hätte«, sagt die Näherin Wang Hui Qiong.

Wohnung und Vorkasse

Gearbeitet wird an fünf von sieben Tagen, pro Woche vierzig Stunden. Pro Tag ist eine Stunde Pause vorgeschrieben, viele verbringen sie schlafend auf dem Nähtisch. Für Überstunden gibt’s das Doppelte wie sonst. Nach 55 Stunden ist aber Schluss, mehr darf niemand arbeiten, das ist im Arbeitsvertrag festgehalten – ebenso wie eine ordentliche Kündigungsfrist und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Der Lohn wird den Arbeiterinnen nicht wieder durch die Betriebswohnungen genommen, wie häufig der Fall. Im Gegenteil: Wer als Paar in einer der von Otex angemieteten Wohnungen lebt, zahlt nichts, wer als Single in eine Paar-Wohnung zieht, zahlt deutlich weniger als den Marktpreis. Den Rest legt die Firma drauf. Das Prinzip Vorkasse lebt auch der deutsche Partner vor: »Wir bestellen eine feste Menge«, sagt Rösch-Geschäftsführer Andreas Söffker, »und wir zahlen dafür im Voraus – das ist absolut branchenunüblich, aber genau das ist für mich Fair Trade.«

Die Karawane zieht weiter

Bei Otex gibt’s einen neunköpfigen Betriebsrat – in der chinesischen Textilindustrie eine absolute Ausnahme. »Es geht nicht nur darum, Feste und Jubiläen zu organisieren«, betont Betriebsrätin Huang Cui Rong (48). »Wir sind auch da, wenn’s Konflikte gibt«, ergänzt ihre Kollegin Wu Hai Yan (40), »dann setzen wir uns mit dem Chef an einen Tisch.« Ihre Pläne: »Wir wollen noch mehr Aufträge und natürlich auch mehr Geld«, sagen die Frauen lachend.

»Es ist schwierig, einen Geschäftspartner zu finden, der so fair handelt wie Rösch«, sagt Otex-Geschäftsführer Michael Wang (50), »es gibt zwar immer mehr europäische Firmen, die Fair Trade wollen – aber sie wollen nicht die Fair-Trade-Preise zahlen. Wenn jemand zu mir kommt, der nur billig will, sage ich ihm, dass wir nicht ins Geschäft kommen. Wir brauchen das Geld, um unser Projekt noch stabiler zu machen.« Geld: »Es wird immer schwieriger, weil die Löhne steigen«, räumt Wang ein, »deshalb bauen wir jetzt parallel ein Projekt nach den gleichen ökologischen und sozialen Standards in Laos auf – das wird vermutlich die Zukunft unserer Firma sein.«

Europäische Werte

Verkauft wird die edle Wäsche von Rösch und Féraud made in China nicht nur in Europa, sondern auch im Reich der Mitte selbst. »Wir sind bei ›Aimer‹, dem führenden chinesischen Wäschehersteller mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz, drin«, so Söffker, »in den Top-Läden, die unter ›Bechic‹ in 40 großen Städten firmieren, sind wir die wichtigsten Marken. Für uns ideal, weil wir keine Flagship-Stores aufmachen müssen, das geht also ohne Invest.« Die Chinesen schätzen europäische Marken, »vor allem die Qualität, die dahinter steckt«. Der Kontakt wird so sorgfältig gepflegt wie die Seidenraupen: Zwei Mal im Jahr fährt Rösch nach Peking, um Filialleiter aus dem ganzen Land zu schulen, im vergangenen Jahr kamen zwölf Filialleiterinnen nach Tübingen.

Rösch überlegt, eine eigene Fair-Trade-Linie aufzumachen, weil es immer mehr Konsumenten gibt, die wissen wollen, ob sie ihre Kleidungsstücke mit einem guten Gewissen tragen können. »Nicht nur mit unseren klassischen Produkten wie Nachtwäsche«, sagt Andreas Söffker, »sondern ein viel breiteres Sortiment, von der Jeans bis zum Abendkleid. Es gibt bis jetzt noch keine Läden, die die gehobene Rösch-Féraud-Kundin bedienen. Wir sehen hier eine Lücke.«

»What is luxery?«, steht über dem Edel-Nachthemd von Féraud, das für 279 Euro über den Ladentisch geht. Die Antwort: »The privilege of having your skin touched by over 1 000 miles of organic silk.« Luxus ist das Privileg, seine Haut von mehr als tausend Meilen Bio-Seide berührt zu wissen. Hergestellt von Menschen, die unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten. (GEA)

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FOTOS: Andreas Fink

Pdf zum Artikel : gea_seide-fink

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